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Samstag, 11. August 2012

Ernst Jüngers Handy

In Ernst Jüngers utopischem Roman “Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt” (1949) kommt ein Gerät vor, das mich, als ich das Buch in den siebziger Jahren las, tief beeindruckt hat: der Phonophor. Ähnliche Geräte kannte ich bereits seit den sechziger Jahren aus Science-Fiction-Romanen, aber dort wurden sie nicht so eindringlich beschrieben wie bei Jünger:

„Der Allsprecher. Erteilt in jedem Augenblick Orts- und astronomische Zeit, Länge und Breite, Wetterstand und Wettervoraussage. Ersetzt Kennkarte, Pässe, Uhr, Sonnenuhr und Kompass, nautisches und meteorologisches Gerät. Vermittelt automatisch die genaue Position des Trägers an alle Rettungswarten bei Gefahren zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft. Weist auch den Kontostand des Trägers aus und ersetzt auf diese Weise das Scheckbuch bei jeder Bank und jeder Postanstalt, und in unmittelbarer Verrechnung der Fahrkarten auf allen Verkehrsmitteln. Vermittelt die Programme aller Sender und Nachrichten-Agenturen, Akademien, Universitäten … und kann als Zeitung, als ideales Auskunftsmittel, als Bibliothek und Lexikon verwandt werden. […]
Man sah kaum einen Erwachsenen in Heliopolis, der ohne Sprecher ging. Die flachen Hülsen wurden in der linken Brusttasche getragen, aus der sie fingerbreit hervorragten. […] Das Eigentümliche beruht auf der Vereinfachung, auf der Verdichtung in einen kleinen Apparat. Man möchte meinen, dass der Stoff mit seinen kristallenen Gittern und seinen strahlenden Metallen unmittelbare Intelligenz gewonnen hätte, und dass hier einer der Übergänge von der Technik zur reinen Magie gelungen wäre.“
Ernst Jünger, Heliopolis, Tübingen 1949, S. 334-337

Natürlich ist das Ding auch ein Telefon. Die komplette Beschreibung umfasst vier Seiten und gibt verblüffend viele Funktionen des heutigen Handys wieder, nur Bildübertragungen gibt’s komischerweise nicht bei Jünger. Unvorstellbar in den vierziger Jahren und immer noch unvorstellbar in den siebziger und achtziger Jahren, dass es solch ein Gerät auf absehbare Zeit wirklich hätte geben können.

Pure Magie: der Phonophor

Als dann 2008 das iPhone angekündigt wurde, fühlte ich mich an den Phonophor und seine unglaublichen Möglichkeiten erinnert. Ich schaute mir den offiziellen Vorstellungsfilm von Apple an und war überzeugt: das iPhone kann sogar noch viel mehr. Ein Gerät voll purer Magie. Ich wollte so ein iPhone, aber es dauerte noch ein paar Wochen, bevor es in den Niederlanden erhältlich war. Am ersten Verkaufstag hätte ich es gekauft, geblendet durch die Magie des Gadgets. Aber die Läden quollen über, stundenlang. Dann war das iPhone ausverkauft, wochenlang. Und dann hatte eine andere Schicht meiner Person („Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“) in mir die Regie übernommen und dafür gesorgt, dass ein Handymuffel wie ich mit einem Verbrauch von unter 5 Euro im Monat nicht unbedingt ein Gerät braucht, das mindestens 30 Euro im Monat erfordert. Aber ich schiele noch immer neidisch auf jeden Studenten, der mit dem magischen Maschinchen herumläuft.

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