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Freitag, 30. März 2012

Mozarts „Entführung aus dem Serail“: ab 18 Jahren

Die Diskrepanz zwischen traditionellen und modernen Inszenierungen habe ich nie so verstanden, dass man sich zu dem einen oder dem anderen Lager schlagen müsse. Obwohl: Bei modernisierenden Eingriffen in Text und Handlung bin ich konservativ. Ich rege mich schon bei Kürzungen auf. Ein paar sparsame aktualisierende Eingriffe darf es aber schon geben.

Es gibt viele moderne Inszenierungen, denen es gelingt, bei absoluter Texttreue eine deutlich kontrastierende Interpretation zu liefern. Besonders umstritten ist in den letzten Jahren die Arbeit des spanischen Regisseurs Calixto Bieito. Seine Bühne ist voll von Blut, Gewalt und Nacktheit. Ich habe von ihm nur Die Entführung aus dem Serail in der Komischen Oper in Berlin gesehen und war sehr fasziniert. Er spielt die Tatsache, dass es sich ja tatsächlich um eine gewalttätige Handlung handelt, voll aus. Entführung, Gefangenschaft, Sex, sexuelle Bedrohung, Folter, Gewalt: all das ist in diesem Stoff vorhanden und wird in den traditionellen Aufführungen meist nur ganz orientalisch-niedlich dargestellt. Hier ist es krass, sehr krass sogar und natürlich gewinnt so das Bühnengeschehen eine ablenkende, vielleicht sogar vorherrschende Macht über die Musik Mozarts. Es gibt eine Folterszene, in der der Körper einer Frau in einer Realistik zerschnitten wird, die jeden Betrachter entsetzen musste und Teile des Publikums in Aufregung und Abscheu versetzte.
„Wo bleibt denn da Mozart“, rief ein junger Besucher empört. Und ich fühlte mich spontan versucht, zurückzurufen, dass Mozart im 21. Jahrhundert angekommen sei. Aber ich bin kein Zwischenrufer. Ich kann nicht einmal „Buh“ rufen. Das Publikum war überhaupt sehr lebendig an dem Abend. Es wurde viel gepfiffen. Und das heißt ja auch, dass die Oper lebt und eine Existenzberechtigung hat.

Auf YouTube gibt es hierzu nur ein sehr kurzes Fragment. Diese Inszenierung ist in Berlin in diesen Wochen noch zu sehen. Kurios, dass es heutzutage noch (oder wieder?) sogar bei einer Oper möglich ist, eine Empfehlung ab 18 Jahren (niemand braucht seinen Ausweis zu zeigen)  auszusprechen:




Spektakulär ist auch diese Szene, die offenbar ein Zuschauer mit seinem Handy aufgenommen hat:




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